Umwelt und Wolf

Jägerlatein trifft Rotkäppchen. Zu der seit Winterbeginn von Vertretern der Landwirtschaft und der Jägerschaft begonnenen Diskussion gegen die Duldung des Wolfes in unserer Umwelt schreibt Rolf Hüchting von den Grünen Bremervördes in der Bremervörder Zeitung: Es ist schon erschreckend, wie in Zeiten von Trump und AFD bewusst Falschmeldungen mit dem Ziel verbreitet werden, Menschen zu verunsichern und zu ängstigen...

Jägerlatein trifft Rotkäppchen. Zu der seit Winterbeginn von Vertretern der Landwirtschaft und der Jägerschaft begonnenen Diskussion gegen die Duldung des Wolfes in unserer Umwelt schreibt Rolf Hüchting von den Grünen Bremervördes in der Bremervörder Zeitung:

Es ist schon erschreckend, wie in Zeiten von Trump und AFD bewusst Falschmeldungen mit dem Ziel verbreitet werden, Menschen zu verunsichern und zu ängstigen. Die Behauptung in der Bremervörder Zeitung lautet “Der Wolf soll in Niedersachsen bewusst angesiedelt werden. Damit solle eine Wildnis-Romantik entstehen, die vor allem bei den Wählern in den Großstädten gut ankommt“, gehört in den Bereich der „Fake News“! Wölfe wandern seit dem Wegfall des „Eisernen Vorhanges“ von allein nach Niedersachsen ein, niemand hat sie angesiedelt oder ausgesetzt. Sie sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt und können von einem einzelnen Bundesland nicht „reglementiert“ werden.

Die Jäger behaupten, ein Zusammenhang zwischen den hohen Rehbeständen und der Wolfspopulation „habe mit der Realität nichts zu tun“. Auch dies eine Falschmeldung! Tatsächlich wird die Population eines Beutegreifers ausschließlich durch das Vorhandensein von Beutetieren beeinflusst. Die Wölfe befinden sich bei uns im Paradies! Im Elbe-Weser-Dreieck gab es noch nie so viel Rehe und Damhirsche wie heute. Die Wildbestände sind von den Jägern auf unverantwortliche Höhen herangehegt worden. Bereits seit Jahren weist das hier zuständige Forstamt auf diesen Zustand hin. Die Gesetze fordern, dass Jungpflanzen unserer Hauptbaumarten „ohne Schutzeinrichtungen“ wachsen dürfen. Das ist bei uns nahezu nirgendwo der Fall. Tatsächlich müssen fast alle Anpflanzungen eingezäunt werden, sonst werden sie ratzekahl aufgefressen. Uns Steuerzahlern entstehen dadurch alljährlich Schäden in Millionenhöhe. Längst werden die Tiere im Wald nicht mehr satt. Damit das Damwild nicht die Ernte auffrisst, werden mittlerweile auch schon einige Felder mit Stromzäunen gesichert.

Von Seiten des Naturschutzes wird auf das Verschwinden von Pflanzenarten hingewiesen. Die Rehe selektieren offensichtlich bei der Nahrungsaufnahme bestimmte Arten heraus. Dadurch wird der ohnehin vorhandene Artenschwund noch gefördert. Für diesen Zustand ist ein abweichender und deshalb unzureichender Gesetzesvollzug durch die maßgeblichen Akteure (Jäger) verantwortlich. Auch Zahl und Statistik der Wildunfälle sprechen eine deutliche Sprache. Da restlos alle Reh-Reviere besetzt sind, werden die Jungtiere des Vorjahres im Sommerhalbjahr solange von den älteren Rehen durch die Gegend gescheucht, bis sie vor dem Auto landen. Würden die Jäger ihrer Aufgabe gerecht werden, wäre hier viel Leid bei Mensch und Tier sowie enormer wirtschaftlicher Schaden vermeidbar. Untersuchungen in Ostdeutschland (Kotuntersuchungen) haben ergeben, dass der Anteil von Nutztieren an der Wolfsnahrung unter 1 % beträgt.

Für die betroffenen Nutztierhalter ist das dennoch hart. Sie leisten wertvolle Arbeit bei der Landschaftspflege, der Erhaltung alter Nutztierrassen und der artgerechten Fleischproduktion. Diese Menschen werden angemessen entschädigt. Sie bekommen kostenfreie Beratungsdienstleistungen und erhebliche Zuschüsse für Wolfs-Abwehrmaßnahmen. Trotzdem bleibt der Ärger und die Arbeit an ihnen hängen. Wichtig ist, dass jeder Wolfsriss vollständig und zeitnah entschädigt wird. Ein hoher Prozentsatz der genetischen Rissanalysen weist jedoch nicht den Wolf, sondern Hunde als Angreifer aus.

Auch die Vermutung, alte Wölfe würden in Ihrer Verzweiflung Menschen attackieren ist durch nichts belegt. In vielen europäischen Ländern gibt es Wolfsrudel – seit langer Zeit. So leben Wölfe zum Beispiel auch im direkten Umfeld der italienischen Millionenmetropole Rom – ein deutlich dichter besiedeltes Gebiet als der Raum Bremervörde. Trotz der vergleichsweise hohen Jugendsterblichkeit bei dieser Tierart, erreichen auch dort immer wieder Wölfe ihre natürliche Altersgrenze. Attacken auf Menschen sind nicht bekannt. Warum also verbreiten die Jäger „fake news“ und damit Angst und Schrecken unter der Bevölkerung? Wollen sie einen unliebsamen Konkurrenten so schnell wie möglich wieder loswerden? Die Debatte um die Rückkehr der Wölfe ist wichtig und sie muss geführt werden. Gemeinsam werden wir ein konfliktarmes Wolfsmanagement hinbekommen. Gezielte Falschmeldungen und das Schüren von Ängsten sind dabei nicht hilfreich und sollten tunlichst unterbleiben.

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